Stefanie Kreutzer: „Als ich 4 Jahre alt war, fing mein Vater an, mich sexuell zu missbrauchen.“

COSMEA® Wonderwoman – Stefanie Kreutzer

Liebe COSMEA® Wonderwomen, wusstet Ihr, dass es für Menschen, die Gewalt erfahren, oft sehr schwer ist, sich selbst aus der Gewaltsituation zu befreien? Erwachsene haben es schon nicht leicht, Kinder hingegen sind der Situation absolut ausgeliefert und vollkommen auf aufmerksame Augen, Ohren und vor allem konsequente Tatkraft von außen angewiesen. Darum unterstützen wir die große Initiative des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend „Stärker als Gewalt“. Lasst uns dieses Thema gemeinsam enttabuisieren und Betroffene stärken!

Heute haben wir Wonderwoman Stefanie Kreutzer bei uns im COSMEA® Blog-Interview.

Liebe Stefanie, stell Dich am besten selbst einmal kurz vor…
Stefanie: >> Hallo! Mein Name ist Steffi Kreutzer und ich bin mittlerweile 52 Jahre alt. Geboren bin ich in Kiel und aufgewachsen in einem Dorf in unmittelbarer Nähe zu Kiel. Mittlerweile bin ich dort weggezogen und lebe sehr ländlich bei Neumünster. Ich bin psychisch krank und stehe dazu.
Verheiratet bin ich mit dem liebsten Mann der Welt und habe einen bereits erwachsenen Sohn, der mein Lieblingsmensch ist. Beide sind mir sehr wichtig; ohne sie würde ich es nicht schaffen!
Was ist Dir widerfahren und was hat das mit Deinem Leben gemacht?
Stefanie: >> Von meiner Geburt an, durch meine gesamte Kindheit und Jugend, war ich durch meine Eltern leider seelisch und körperlich unterversorgt und vernachlässigt. Ab dem vierten Lebensjahr wurde ich dann von meinem Vater sexuell missbraucht. Anderen, ihm gleichgesinnten Männern, war ich ebenfalls ausgeliefert, wenn er mich dorthin gebracht hatte. Hilfe von Erwachsenen gab es nicht. Ich wurde durch eine sehr strenge Erziehung und Liebesentzug so manipuliert, dass ich mich schnell daran gewöhnt hatte und mich ganz gewiss nie getraut hätte, irgendetwas irgendwem zu erzählen. Eine Eigenschaft hat mir beim Überleben sehr geholfen. Ich konnte schon sehr früh dissoziieren, d. h. mich sozusagen „wegbeamen“. Mein Körper war anwesend, ich aber nicht. Es sind dabei verschiedene Persönlichkeiten entstanden, die mir nicht nur die Missbrauchsvorkommnisse, sondern auch Beschimpfungen, Bestrafungen und Beleidigungen (auch durch meine Mutter) sozusagen abgenommen haben. Durch diese komplizierten Abspaltungen habe ich allerdings schon immer das Gefühl, nie gelebt zu haben. Mit 16 ½ bin ich Hals über Kopf aus meinem Elternhaus ausgezogen und habe mich allein durchgeschlagen. Die Macht meines Vaters ist allerdings teilweise noch bis heute in mir zu spüren. Dabei ist er schon etwa drei Jahre verstorben. Ich gebe den Kampf aber nicht auf, irgendwann auch leben zu dürfen.
Wann hast Du realisiert, was Dir zu Hause passiert ist und wo hast Du Hilfe bekommen?
Stefanie: >> Unvorstellbar, wie die menschliche Psyche funktioniert. Meine hatte es geschafft, sämtliche Erinnerungen an meine gesamte Kindheit zu vergessen. Erst ab dem Alter von ca. 30 Jahren ging die Post in mir ab! Ich war ja schon immer anders als andere, das wusste ich. Aber… wenn Erinnerungen zurückkehren, als sogenannte Flashbacks, wird man fast wahnsinnig und kann das kaum aushalten. Gleichzeitig weiß man nicht, was das nun bedeutet, da ja sämtliche Erinnerungen weg waren und ich ein von mir kontrolliertes Parallelleben zur Wahrheit geführt habe. Opfer von solchen Taten wissen bestimmt, wie das ist. Als dann meine Zwänge, Phobien und Ängste so stark wurden, dass mein tägliches Dasein völlig außer Kontrolle geriet, habe ich mir Hilfe bei einer Psychotherapeutin geholt. Seit fast 19 Jahren bin ich jetzt in therapeutischer Behandlung, mal ambulant, teilstationär und auch stationär und es wird noch sehr lange dauern, bis ich mit der schweren Traumatisierung meiner Kindheit und Jugend so weit umzugehen weiß, dass ich ein halbwegs „normales“ Leben führen kann.

Wie sieht Dein Alltag heute so aus? Was bestimmt täglich Dein Leben?
Stefanie: >> Schmerzen! Psychosomatische und seelische. Und tiefe Trauer begleitet mich 24 Stunden am Tag. Wenn man – wie ich – mit einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung, spezifizierten Phobien, einer stark ausgeprägten Angsterkrankung, Zwängen und Hypochondrie leben muss, lebt man nicht… man vegetiert. Mir wurde wirklich mein Leben genommen, obwohl ich noch anwesend bin. Ohne Hilfe kann ich meine Wohnung nicht verlassen und sorge stets dafür, dass ich emotional hoch eingezäunt in Sicherheit bin. Wer DAS Leben nennt, hat – bei allem Respekt – den Knall nicht gehört. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich Menschen um mich habe, die damit umgehen können und Freunde, die mich nicht fallenlassen, weil ich zu anstrengend oder zu kompliziert bin.
Was möchtest Du mit der Welt teilen und was wünschst Du Dir?
Stefanie: >> Mir liegt sehr am Herzen, dass die Erwachsenenwelt die Augen, Ohren und Münder aufmacht. Sich traut, Hilfe zu leisten beim unangenehmen Thema „Kindesmissbrauch“. Ich wünsche mir, dass unsere Regierung die Verjährungsfrist abschafft und das Strafmaß für Täter deutlich spürbar erhöht wird. Es kann nicht sein, dass Kinder (unser höchstes Gut!) von der Gesellschaft nicht geschützt werden. Selbst schützen können sie sich nämlich nicht.
Teilen möchte ich mit allen Opfern von erlebtem Missbrauch oder aber auch Misshandlungen meinen Mut! Mut, sich zu wehren. Gegen Stigmatisierung und vor allem gegen die dunklen Schatten aus der Vergangenheit. Traut Euch, zu sprechen! Erzählt, was Euch passiert ist! Damit verlieren die Täter ihre Macht. Holt Euch Hilfe und lasst diese Hilfe zu. Ihr seid so wichtige und liebenswerte Menschen. ♡
Wofür brennst Du im Leben? Was ist Deine Leidenschaft, Dein Motor des Lebens?
Stefanie: >> Meine absolute Leidenschaft ist die Holzkunst. Die Holzbildhauerei gehört mittlerweile zu meinem Leben und ich kann es ermöglichen, mich, meine Gedanken, Gefühle und Erlebtes in das für mich tollste Material einarbeiten zu dürfen. Hierbei unterstützen mich meine eigene kleine Werkstatt, die Natur und meine Schaffenskraft. In kleinen Kreisen habe ich mir schon einen Namen gemacht. Meine Kunst ist speziell, da sie das unverblümte Leben in sich trägt. Das fordert mich und die Betrachter/LiebhaberInnen meiner Werke immer wieder auf und somit schließt sich der Kreis der Leidenschaft.
Worin siehst Du Deine persönlichen Stärken?
Stefanie: >> Die Beantwortung dieser Frage fällt mir am schwersten, da ich mich nicht mag und mir jetzt ein Lob aussprechen müsste. Bei genauerem Betrachten würde ich sagen: Empathie ist eine meiner Stärken. Und Durchhaltevermögen.
Was sind Deine Herausforderungen?
Stefanie: >> Meine größte Herausforderung ist ganz schnell, kurz und sachlich benannt: Überleben!
… und immer wieder damit konfrontiert zu sein, wie tief patriarchalische Denkweisen in der Gesellschaft verankert sind.
Hat Frau-sein für Dich eine bestimmte Bedeutung?
Stefanie: >> Frau-sein bedeutet für mich STÄRKE! Frauen gebären Kinder, halten die Familie zusammen, finden für fast jedes Problem eine Lösung, halten viel aus. Was gibt es also Stärkeres als eine Frau? Leider wissen viele Frauen das nicht und werden unterdrückt, gequält, misshandelt. Und da wären wir wieder bei der Stärke! Wie sollte Frau das aushalten können, wenn sie keine hätte?
Wählst Du Deine Hygieneprodukte für Frauen bewusst aus und welche Produkte nutzt Du am liebsten?
Stefanie: >> Ja! Ich wähle sie mittlerweile bewusst aus. Eure Vegan-Produkte passen sehr gut mit meiner Einstellung zum Schutz der Natur und Tierwelt zusammen und bieten mir dennoch guten Tragekomfort. Was will Frau mehr?

 

Liebe Stefanie, wir sprechen Dir unsere Hochachtung aus!
Wir bewundern Deinen Mut und danken Dir, dass Du Deine Geschichte mit uns teilst, um unsere Gesellschaft stärker auf häusliche Gewalt zu sensibilisieren und vor allem Schutzbefohlene besser zu schützen.

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