Luise & Elena: „Unser Ziel ist es, das Thema Menstruation sichtbar zu machen und anzugehen, um aus der Uni einen Ort zu machen, an dem wir und zukünftige Generationen gerne sein wollen.“

In diesem Interview treffen wir Elena und Luise, zwei engagierte Studentinnen, die mit ihrer Initiative „Break the Bloody Taboo“ bemerkenswerte Veränderungen an der Universität Göttingen bewirken. Elena, Mitbegründerin des Projekts, und Luise, aktiv in der Geschlechterforschung, teilen ihre Erfahrungen und Herausforderungen im Kampf gegen das Menstruationstabu. Ihre leidenschaftliche Arbeit veranschaulicht, wie durch Beharrlichkeit und Kreativität sozialer Wandel an Hochschulen vorangetrieben werden kann. Lasst Euch von ihrer Geschichte inspirieren und erfahrt, wie sie mit ihrer Initiative nicht nur kostenlose Menstruationsprodukte zur Verfügung stellen, sondern auch tief verwurzelte gesellschaftliche Normen herausfordern.

Liebe Elena und liebe Luise, wir freuen uns auf das Interview mit Euch, stellt Euch am besten selbst einmal kurz vor…
Luise: >> Hallo, ich bin Luise und studiere mittlerweile im 5. Semester Geschlechterforschung und Ethnologie in Göttingen. Neben meinem Studium und der Lohnarbeit, brenne ich für politisch-feministischen Aktivismus und habe in meiner Freizeit meine Finger immer in verschiedenen Projekten im Spiel.
Elena: >> Hi, ich bin Elena. Ich bin während meines Bachelors in Göttingen an so einige Ungerechtigkeiten geraten, die ich versucht habe, aktivistisch zu thematisieren und anzugehen. “Break the Bloody Taboo” ist das 2. Projekt, das ich in diesem Sinne während meiner Studienzeit mitgründete.
Was genau verbirgt sich hinter der Initiative „Break the Bloody Taboo“ und was sind Eure Aufgaben dabei?
Elena: >> Unser Ziel ist es, das Thema Menstruation in den öffentlichen Räumen der Universität zu thematisieren, sichtbar zu machen und anzugehen. Die Menstruation begleitet sehr viele von uns im Alltag, die Anerkennung ihrer Relevanz ist jedoch vom Tabu überdeckt, das Menstruierende schuldig, schmutzig, ausgeschlossen und unbeachtet fühlen lässt.
Luise: >> Um auf das Thema hinzuweisen und gleichzeitig an der Veränderung des Diskurses beizutragen, setzen wir uns seit mehr als zwei Jahren dafür ein, kostenlose Menstruationsprodukte an der Universität Göttingen zu etablieren. Angefangen haben wir als Initiative mit vier Spendern, angebracht sind mittlerweile 29, mit weiteren in Planung. Neben dem Management der Spender (Anbringung, Bestellung der Produkte, Befüllung, etc.) und vielen Gesprächen mit dem Präsidium und Angestellten der Universität, betreiben wir auch Öffentlichkeitsarbeit.
Wie kamt Ihr zu der Initiative „Break the Bloody Taboo“?
Elena: >> Die Idee kam mir vor mehr als 3 Jahren, noch zu Pandemiezeiten, gemeinsam mit einigen Freundinnen. Wir saßen gemeinsam auf meinem Balkon, umschlungen in Schlafsäcken und sprachen über die Dinge, die uns beschäftigten – psychische Gesundheit, vermittelte Körperideale, die Menstruation. Recht schnell wurde uns klar, dass das zugrundeliegende Problem systemisch ist – die Lebensrealität und die Bedürfnisse Menstruierender werden vonseiten der universitären Verwaltung missachtet. Wie so oft, wussten wir, dass das patriarchale Fundament unserer Gesellschaft ein tragender Grund dafür war. Unsere Beschwerde sollte jedoch nicht nur eines sein – ein leiser Protestschrei, in einer kalten Winternacht – sondern eine tragende Motivation, um aus der Uni einen Ort zu machen, an dem wir und zukünftige Generationen gerne sein wollen.
Luise: >> Ich bin über meine Arbeit in der Fachgruppe Geschlechterforschung auf Bloody Taboo aufmerksam geworden. Einer meiner ersten Aufgaben war es ca. 3000 Tampons auf Visitenkarten unseres Projekts für die Willkommens-Beutel der Erstsemestler*innen zu kleben…aber keine Angst, ich hatte Unterstützung! 😉
Was möchte „Break the Bloody Taboo“, neben der Bereitstellung von kostenlosen Menstruationsartikeln, inhaltlich erwirken?
Elena: >> Thematisierung, Sichtbarkeit, Bildung, Reform. Wir wollen, dass Menschen im Alltag über die Menstruation sprechen. Es erschien uns sinnvoll, Personen über sie im Alltag stolpern zu lassen – buchstäblich – in Form der öffentlichen Spender (12 sind außerhalb von bzw. vor Toiletten angebracht). Die Öffentlichkeit erlaubt uns, einer Fülle an Zielen nachzukommen: Sichtbarkeit durch ihre Präsenz an viel besuchten Orten erlaubt eine Thematisierung der Menstruation. Diese wiederum soll den Anstoß geben, dass die Menstruation erstens nicht hinter verschlossenen Türen geschieht (und geschehen soll) und zweitens nicht nur Frauen menstruieren. Damit streben wir eine Normalisierung des Themas an.
Luise: >> Damit wird gleichzeitig ein Enttabuisierungsprozess angestoßen, denn letztendlich sind ca. 50% der Bevölkerung einmal im Monat davon betroffen. Scham hat im Umgang mit natürlichen Vorgängen des Körpers nichts zu suchen und erschwert den ohnehin nicht immer leichten Vorgang des Zykluses nur zusätzlich. Aufklärung über Menstruation bedeutet für uns aber, trans, inter und nicht-binäre Realitäten sichtbarer zu machen, die sich dem Stigma rund um die Menstruation in potenzierter Form ausgesetzt sehen.
Habt Ihr schon Feedback zur Initiative erhalten?
Elena: >> Ich weiß noch, eines der ersten positiven Feedbacks bei der Anbringung unseres allerersten öffentlichen Spenders war: „Ich werde meine Chefin fragen, ob wir den Spender anbringen können, damit sie ja, ja oder ja sagen kann”. Das hat mich damals sehr erleichtert, da es bei Weitem kein repräsentativer Fall ist für unsere Erfahrungen damit, die Spender öffentlich anzubringen.
Luise: >> Tatsächlich erhalten wir ziemlich häufig sehr tolles Feedback von Studierenden und vereinzelt auch von Universitätsangestellten. Wir haben Anfang dieses Jahres eine Umfrage durchgeführt, um die Pilotphase unseres Projekts zu evaluieren. Insbesondere aus dem Freitextfeld der Umfrage wird deutlich, dass die Spender schon so manch eine Panne verhindert haben und den Studienalltag mit Menstruation ziemlich erleichtert.
Was sind die Herausforderungen, die Euch bei der Umsetzung des Projekts begegnen?
Luise: >> Uns werden mit jedem Schritt nach vorne auch weitere Steine in den Weg gelegt. Schwierig ist für uns insbesondere die Abhängigkeit von bestimmten Stellen der Universität. Hier herrschen klare Hierarchien, die wir als Studierende immer wieder deutlich zu spüren bekommen. Das geht so weit, dass uns Entscheidungen aufgezwungen werden, um überhaupt Spender anbringen zu können. Gerade die Anbringung der Spender hat sich als problematisch erwiesen, da uns oftmals untersagt worden ist, die Spender öffentlich anzubringen.
Elena: >> Die langfristige Etablierung und Integration unseres Projekts in lang bestehenden und gefestigten Strukturen, die auf diese Anliegen nicht ausgelegt sind, gestaltet sich schwer. Wir erfahren internalisierte Misogynie vonseiten weiblich gelesener Personen in entscheidungstragenden Positionen; Mansplaining; Diskreditierungen des Nutzen unserer Arbeit; Individualisierungen bei der Schuldzuschreibung Menstruierender, die sich “nicht ausreichend um sich selbst” kümmern könnten, wenn sie kostenfreie Menstruationsprodukte bräuchten. Außerdem haben wir auch mit Selbstzensur zu kämpfen: wie viel wollen wir, dürfen wir, sehen wir uns dazu gezwungen im Umgang mit anderen zu ertragen oder uns gefallen zu lassen, um den Projektzielen näher zu kommen? Insgesamt bedeutet das alles auch eine starke emotionale Belastung, bei der es an uns liegt, sie zu verarbeiten und positiv sowie nachhaltig in das Vorankommen des Projekts zu transformieren.
Was habt Ihr selbst bisher aus der Arbeit mit „Break the Bloody Taboo“ gelernt?
Elena: >> Das Projekt hat mich mit der Omnipräsenz der Menstruation in Verbindung kommen lassen. Es hat mich sehen lassen, wie fein säuberlich man die Relevanz des Themas aus allen “objektiven”, “rationalen”, “lebenserhaltenden” Diskussionen künstlich herausgeschnitten hat, sodass es immer wieder aussieht als würden wir mit einer “kleinen Angelegenheit von einer Subgruppe an Menschen” angetanzt kommen. Ich lerne eine ganze Menge zu erkennen, zu verstehen, einzugestehen und v.a. eines: Ich lerne es zu kämpfen.
Luise: >> Ich habe gelernt, dass sich für eine gesunde Menstruation einzusetzen ziemlich anstrengend ist. Wie hoch politisch dieses Thema ist, haben wir ziemlich schnell daran gemerkt, gegen wie viele Wände wir gelaufen sind. Veraltete Vorstellungen und geschlechtsnormierte Einstellungen einzureißen, kostet viel Energie und Kraft, insbesondere, wenn Personen ihre Position als absolut ansehen. Es mag auch nicht immer funktionieren, doch diese Situationen stärken einen für weitere Konflikte, bestätigen uns in unserem Vorhaben.
Was ist der nächste Meilenstein, den Ihr mit Break the Bloody Taboo“ anstrebt?
Luise: >> Unser größter Meilenstein wäre die vollständige Übernahme unseres Projekts durch die Universität. Wir sehen die Universität in der Pflicht, ihrem Gleichstellungsauftrag gerecht zu werden und dazu gehört auch die infrastrukturelle Versorgung durch Menstruationsprodukte, damit alle Studierende an ihren Veranstaltungen teilnehmen können. Dass wir diese Arbeit unbezahlt verrichten, ist nicht selbstverständlich und darauf haben wir wiederholt versucht aufmerksam zu machen
Elena: >> Von knapp 10 Spendern vor einem Jahr sind wir auf eine Zahl von 29 gewachsen, 5 weitere sind in Anbringung und weitere Institute haben ihr Interesse verkündet. Das Präsidium zeigt sich seit einigen Monaten gewillt, einen Teil der Finanzierung zu übernehmen, jedoch nur die Hälfte aller Spender. Für uns heißt das, dass wir das Projekt weiterhin mitverwalten müssen, um die Füllung der bestehenden Spender zu gewährleisten.
Was ist Eure Erfolgsformel für die Veränderungen, die Ihr in relativ kurzer Zeit erwirkt habt?
Elena: >> Ich würde sagen, dass vor allem 3 Aspekte dabei essenziell waren.
Erstens: wir wurden symbolisch zum Dorn im Auge – wir wurden unangenehm, wir wurden sehr sichtbar. Wir haben Plakate überall in der Uni aufgehängt mit der Aufschrift “hier könnte ein Spender mit kostenlosen Menstruationsprodukten stehen, tut es aber nicht”, haben 3.000 Visitenkarten gedruckt und verteilt mit einem Tampon drauf und der Aufschrift “könntest du kostenlos bekommen, tust du aber nicht”. Wir wollten die “normal” gewordenen Umstände ins Abnormale rücken.
Luise: >> Zweitens: Wir haben innerhalb der Uni Unterstützung von Personen gefunden, die sich mit uns solidarisierten und uns unterstützten, sowohl verbal wie auch materiell.
Drittens: wegen unseres starken Kerns in unserem Team. Wir sind eine Gruppe von durchschnittlich 6-8 Personen, denen viel an dem Projekt liegt. Wir sind committed und unterstützen uns in der Verarbeitung der Hindernisse, denen wir ausgesetzt sind. Es ist schön zu sehen, was für mutige und intelligente Menschen wir im Team haben und wie sehr wir uns gegenseitig unterstützen. Allein wäre die Arbeit unmöglich.
Elena: >> Und tatsächlich macht mir die Arbeit am Projekt sehr viel Spaß. Ich lerne viel, kann kreativ sein, mich trauen, wachse immens dadurch auf mehr Ebenen, als ich es mir hätte je vorstellen können.
Was sind Eure persönlichen Lieblingsmenstruationsartikel?
Elena: >> Eine Kombination, die für mich zurzeit gut passt, sind Tampons und Periodenunterwäsche. Je nach Zeitpunkt in der Menstruation und der Tageszeit verwende ich jeweils andere Artikel. Tatsächlich hat sich für mich die Artikelwahl und ihre Verwendung dank des Projekts und einer umfangreichen Auseinandersetzung damit, was eine gute Handhabung der Menstruation ist, verändert.
Luise: >> Ich kann mich da nur anschließen und bin mit der Kombi sehr happy!
Vielen Dank, liebe Elena, liebe Luise für das spannende Interview, wir bewundern Euer Engagement und wünschen Euch weiterhin viel Erfolg!
Liebe Wonderwomen da draußen, habt Ihr Fragen an Elena & Luise oder möchtet Ihr Eure Meinung zu diesem Interview mitteilen? Dann hinterlasst einfach einen Kommentar unter diesem Beitrag.

Webseite von bloodytaboo: www.bloodytaboogoe.wordpress.com

bloodytaboo bei Instagram: www.instagram.com/bloodytaboo

Informationen von bloodytaboo auf der Georg-August-Universität Göttingen-Webseite

Bildnachweise:
Fotos: ©Luise Pletter

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