COSMEA® Wonderwoman – Josefine Marwehe
Josefine Marwehe ist Gründerin von „La Blutique“, Deutschlands erstem Periodenladen mitten in Berlin. Mit ihrem innovativen Konzept schafft sie nicht nur einen Ort für nachhaltige Menstruationsprodukte, sondern auch einen Raum für Aufklärung, Austausch und Empowerment rund um das Thema Menstruation. Josefine setzt sich dafür ein, Menstruation zu enttabuisieren, menstruierende Personen umfassend zu informieren und eine starke, inklusive Community aufzubauen.
Liebe Josie (Josefine), wir freuen uns sehr auf das Interview mit Dir! Stell Dich zuerst am besten selbst einmal kurz vor…
JOSIE: >> Ich heiße Josefine, Hebamme, Kulturwissenschaftlerin, Paartherapeutin – und Gründerin von La Blutique, dem ersten unabhängigen Periodenladen Deutschlands. Ich habe in meinem Leben wenig Scham gespürt und mich oft über die Scham der anderen gewundert. Mein Ziel ist es, Menstruation sichtbarer zu machen, Wissen weiterzugeben und Produkt- sowie Zykluswissen zu demokratisieren. Dazu gehört, Periodenprodukte zu verkaufen, die nachhaltig, schön und praktisch sind. Außerdem gebe ich Workshops für Schulen, Organisationen und Unternehmen, um Wissen über den Zyklus mit Leichtigkeit und Offenheit zu teilen.
Nenne uns 3 Worte, die Dich beschreiben:
JOSIE: >> Klar. Neugierig. Hartnäckig.
Was sind Deine persönlichen Stärken?
JOSIE: >> Empathie, ein klarer Blick und die Fähigkeit, Themen offen anzusprechen, die oft vermieden werden. Ich kann schnell Vertrauen aufbauen und Menschen so begleiten, dass sie sich sicher fühlen.
Was bedeutet „Frau sein“ für Dich persönlich?
JOSIE: >> Ich sehe Weiblichkeit kritisch in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Debatten über „weibliche“ und „männliche“ Energie – solche Schubladen empfinde ich als wenig hilfreich. Für mich bedeutet Gleichberechtigung, dass alle Menschen ihre individuellen Stärken erkennen und feiern können. Zykluswissen und die Besonderheiten eines menstruierenden Körpers sind für mich Stärken – genauso wie andere Körper ihre eigenen haben. Frau sein bedeutet für mich auch, mich in meinem Körper wohlzufühlen, ohne mich mit anderen zu vergleichen. Das ist oft eine Herausforderung. Ich versuche, z. B Diät-Kultur in meinem Leben möglichst wenig Raum zu geben, und sehe gleichzeitig, wie sehr patriarchale Strukturen unser Leben prägen.
Wie sieht Dein Alltag aktuell aus? Was bestimmt täglich Dein Leben?
JOSIE: >> Eine Mischung aus Ladenbetrieb, Teamkoordination, Workshops und strategischer Arbeit – und aus dem Leben mit zwei Kindern, von denen eines gerade einmal zehn Monate alt ist. Kein Tag ist wie der andere.
Wie entstand die Idee zu La Blutique – dem ersten Periodenladen Deutschlands? Welche Vision steckt dahinter und was möchtet Ihr damit bewegen?
JOSIE: >> Die Idee entstand aus meinem Beruf als Hebamme, meiner feministischen Haltung und dem Wunsch, Menstruation normal zu besprechen. Der Schockmoment war, als ich merkte, dass es keinen Periodenladen gibt – 2023 kannte ich weltweit nur sieben, inzwischen etwa elf. Mein Leitmotiv ist informed choice: Alle sollen Produkte kennenlernen, ausprobieren und die für sie passende Lösung finden können. Meine Vision: Periodenläden in allen deutschen Fußgängerzonen.

Einen Laden zu eröffnen, der offen über Menstruation spricht – das erfordert Mut. Was waren die größten Herausforderungen für Dich, La Blutique zum Leben zu erwecken? Erlebst Du auch Gegenwind oder Unverständnis? Wenn ja, wie gehst Du damit um?
JOSIE: >> Einen Laden für ein Tabuthema zu eröffnen, erfordert Mut – und ein dickes Fell. Es gab Skepsis, Unverständnis und viele Fragen, ob so etwas überhaupt „funktionieren“ kann. Eine weitere Herausforderung ist, dass es keine Förderprogramme gibt, die ein so politisches Projekt unterstützen, und wir uns hier mehr Unterstützung wünschen. Langfristig wünsche ich mir, dass der Laden kollektiv geleitet wird, Gemeinschaftseigentum ist und nach einem Purpose-Prinzip geführt wird.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit im Periodenladen und bei der Auswahl der Produkte?
JOSIE: >> Eine große. Wir wählen Produkte so aus, dass sie langlebig, waschbar oder kompostierbar sind. Nachhaltigkeit und die individuellen Konsumerfahrungen lassen sich allerdings nicht immer einfach unter einen Hut bringen. Ich versuche, in meiner Produktpalette möglichst viel abzubilden und unterstütze besonders gerne Unternehmen, die aus nachhaltigem Anbau beziehen und lokal fertigen. Gleichzeitig greifen viele Kundinnen aus finanziellen Gründen zu günstigeren Produkten aus China – und genau das ist auch Teil der Idee: Der Laden bildet diese Vielfalt ab, und das ist die Demokratisierung, die ich mir wünsche. Markenunabhängigkeit ist uns dabei wichtig – wir verkaufen keine Eigenmarke, sondern stellen Vielfalt vor.
La Blutique ist nicht nur ein Laden, sondern ein Ort der Begegnung. Was passiert eigentlich alles im Periodenladen, neben dem Verkauf von Periodenprodukten?
JOSIE: >> Neben dem Verkauf von über 30 Marken aus aller Welt finden Lesungen, Ausstellungen, Beratungen und Workshops statt. Wir sprechen über Menstruation, Zyklusgesundheit, Nachhaltigkeit, Körperpolitik und Gewalt gegen Frauen. Es gibt auch Sportkurse. Manchmal ist der Laden voll und laut, manchmal ein geschützter Raum für sehr persönliche Gespräche.

Neben Workshops zu verschiedenen Themen werden auch Aufklärungsworkshops für Schulen angeboten. Wie laufen diese ab und wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf das Thema Menstruation?
JOSIE: >> Unsere Workshops finden ausschließlich im Laden statt, weil wir hier einen Safer Space schaffen können. Wir erklären den Zyklus, sprechen über Schmerzen, Mythen und zeigen verschiedene Produkte zum Ausprobieren. Klassen kommen oft nach Geschlechtern getrennt – und die Neugier der Jungs ist oft besonders berührend. Viele merken schon beim Eintreten, dass es ein sicherer Ort ist, und das Thema wird sofort normal.
Was müsste sich Deiner Meinung nach in Medien und Bildung ändern, damit Menstruation kein Tabuthema mehr ist?
JOSIE: >> Mehr Fakten, weniger Klischees – und eine sachliche, realistische Darstellung von Menstruation in den Medien. Zykluswissen sollte fest im Lehrplan für alle verankert werden, unabhängig vom Geschlecht, damit ein grundlegendes Verständnis entsteht. Dazu gehört auch, zu wissen, welche körperlichen Veränderungen im Laufe des Zyklus auftreten können und welche Möglichkeiten es gibt, gut damit umzugehen. So wird Menstruation als normaler Teil des Lebens vermittelt und nicht mehr stigmatisiert.
Wie gelingt es Dir, auch Menschen zu erreichen, die sich mit dem Thema noch nie auseinandergesetzt haben – oder es bisher sogar unangenehm fanden?
JOSIE: >> Ich spreche klar, ohne Fachjargon, mit Humor und praktischen Beispielen. Durch meine Arbeit als Hebamme habe ich gelernt, Menschen dort abzuholen, wo sie sind, meine Sprache und mein Auftreten anzupassen und ihnen Sicherheit zu geben. Das lebe ich auch in meinem Team.
Was war das schönste oder überraschendste Feedback, das Du nach einem Workshop erhalten hast?
JOSIE: >> Der schönste Moment ist, wenn Kundinnen sagen: „Jetzt freue ich mich richtig auf meine nächste Blutung.“ Oder wenn Jugendliche, die noch nicht menstruieren, sagen, dass sie sich jetzt darauf freuen und sich vorbereitet fühlen. Am häufigsten höre ich von Menschen über 30: „Hätte es so etwas früher gegeben, wäre mein Leben ein besseres gewesen.“ Ich liebe es, wenn Menschen hereinkommen und sofort spüren, wie besonders dieser Ort ist – und diese Besonderheit wertschätzen.
Gibt es Frauen, die Dich in Deinem Leben oder Deiner Arbeit besonders inspirieren? Wenn ja, welche und warum?
JOSIE: >> Mich inspirieren Frauen wie Danielle Kaiser, Mitbegründerin des Weltmenstruationstages und international aktiv in der Sichtbarmachung und Enttabuisierung von Menstruation, sowie Chella Quint, britische Aktivistin, Autorin und Künstlerin, die den Begriff „Period Positivity“ geprägt hat und internationale Bildungsprojekte zum Abbau von Menstruationstabus entwickelt. Ebenso inspiriert mich das Institut für Zyklusgesundheit, das seit 2020 interdisziplinär daran arbeitet, Zyklusgesundheit in Gesellschaft, Arbeitswelt, Bildung und Forschung sichtbar zu machen. In diesem Jahr bin ich als Speakerin beim „Period of Change“-Kongress dabei – dem ersten Zykluskongress Deutschlands, der Menschen aus verschiedensten Bereichen zusammenbringt, um Wissen zu teilen und das Thema Menstruation offen zu diskutieren. Besonders wichtig finde ich den Ansatz, Zykluswissen als Selbstverständlichkeit in alle Lebensbereiche einzubinden – von der Familienplanung über die Gesundheit bis hin zu Politik und Arbeitswelt.
Wie bist Du mit Deiner eigenen ersten Periode umgegangen – und was hättest Du Dir damals gewünscht?
JOSIE: >> Meine erste Periode kam gut vorbereitet. In meiner Familie wurde offen darüber gesprochen, und es gab sogar die Idee, eine „Rote Party“ zu feiern – eine Vorstellung, die mir vorab gut gefiel. Als es dann so weit war, wollte ich es doch lieber privat halten. Es war Nikolaustag, und ich bekam an diesem Tag einen kleinen Teddy-Hamster geschenkt – das weiß ich noch ganz genau. Meine Mutter hat das insgesamt sehr gut gemacht und ich wünsche allen Kindern eine Familie, Schule und ein soziales Umfeld, in dem offen darüber gesprochen wird und die Menarche (erste Menstruation) gefeiert wird, ähnlich wie der erste Wackelzahn. Solche Körpervorgänge markieren wichtige Schritte ins Erwachsenwerden. Wichtig finde ich, dass junge Erstmenstruierende nicht sofort mit ihrer Fruchtbarkeit konfrontiert werden, sondern diesen Moment zunächst als einen Schritt Richtung Erwachsenwerden begreifen können – ihre sexuelle Neugier sollte sich unabhängig entwickeln dürfen. Es braucht hier einen guten Balanceakt zwischen Verhütungs- und Körperaufklärung und einer positiven Zyklusbeziehung.
Was sind Deine Lieblingsperiodenprodukte?
JOSIE: >> Periodenunterwäsche – weil sie einfach funktioniert, bequem ist und dabei gut aussieht. Sie lässt sich wie normale Unterwäsche tragen, bietet aber zuverlässigen Schutz, ohne dass man zusätzlich etwas einlegen muss. Für viele ist sie der perfekte Einstieg in nachhaltige Menstruationsprodukte, weil sie unkompliziert und alltagstauglich ist – vom Sport bis zum Schlafen.
Liebe Wonderwomen da draußen, habt Ihr Fragen an Josefine oder möchtet Ihr Eure Meinung zu diesem Interview mitteilen?
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Weitere Links, die wir verlinken sollen?
https://www.izg-deutschland.de/
https://technikmuseum.berlin/ausstellungen/dauerausstellungen/textiltechnik/changing-room/
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